Groningen hat ein Luxusproblem. Die Stadt und ihre Universität sind so beliebt, dass der Studierenden-Ansturm kaum noch zu bewältigen ist, zumal auch Wohnungen fehlen. Inzwischen ist die Situation so angespannt, dass Studierenden davon abgeraten wird, sich in Groningen einzuschreiben.

Für das Studienjahr 2020/2021 hatten sich rund 37.000 Studierende an der Universität Groningen (RUG) eingeschrieben – eine Steigerung von fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und der Ansturm der Studierenden ebbt nicht ab. Auch zahlreiche Deutsche möchten gerne in Groningen studieren.

Brexit und Corona
Groningen war schon immer beliebt bei Studierenden. Doch in der Corona-Zeit gab es nochmal einen besonders großen Schub. RUG-Sprecher Gernant Deekens vermutet im Gespräch mit der Ostfriesen-Zeitung (OZ), dass das sowohl am Brexit als auch an den Folgen der Pandemie liegen könnte. Viele Student*innen, die sich früher für ein englischsprachiges Studium in Großbritannien entschieden haben, suchen nun aus finanziellen und organisatorischen Gründen ein englischsprachiges Studium in der Nähe. Die Uni Groningen ist auch deshalb so beliebt, weil sie viele englischsprachige Studiengänge anbietet. Zwar sorge der Brexit auch dafür, dass weniger britische Studierende nach Groningen kommen. Doch die Auswirkungen seien eher gering.

Die Pandemie führte auch dazu, dass fast alle Seminare und Vorlesungen des vergangenen Jahres online stattfand. Die Uni Groningen konnte sich schnell auf die Situation einstellen. Aus diesem Grund schrieben sich auch viele Studierende an der Uni ein, die nicht in Groningen oder sogar nicht mal in den Niederlanden leben – schließlich gab es keine Präsenzpflicht mehr, was ebenfalls zu einem Zuwachs von internationalen Studierenden führte.

Blended Learning
Im Zuge der aktuell sinkenden Infektionszahlen will die Universität Groningen aber wieder eine Präsenzpflicht für bestimmte Studienbereich einführen. Cisca Wijmenga, Rector Magnificus der Uni Groningen, betonte gegenüber der dem Uni-Magazin Ukrant: „Wir wollen nicht nur eine Online-Universität sein. Es muss die Möglichkeit geben, auf den Campus zu gehen. Wir wollen uns in Richtung ‚Blended Learning‘ entwickeln – also ein integriertes Lernen, bei dem Präsenzveranstaltungen und Online-Angebote kombiniert werden.“

RUG-Sprecherin Anja Hulshof erklärt, dass die Universität kaum Möglichkeiten habe, den enormen Ansturm einzudämmen. Denn im Gegensatz zu deutschen Universitäten haben die meisten Studiengänge an der RUG keinen „Numerus Fixus“. Es können sich also unbegrenzt viele Studierende für diese Studiengänge einschreiben, wie Hulshof in der OZ erläutert.

Wohnungsnot
Die geplante Rückkehr der Präsenzpflicht sorgt hingegen auch für Probleme. Denn Wohnungen, insbesondere für Studierende, sind in der Stadt Groningen Mangelware. Das sorgte in den vergangenen Jahren bisweilen für skurrile Szenen: Studierende schliefen zum Beispiel in Notunterkünften auf Feldbetten. Schnelle Abhilfe für das Wohnungsproblem ist jedoch nicht in Sicht. Immerhin: An der Vrydemalaan in Groningen soll im Jahr 2023 ein Wohnheim speziell für Studierende der Uni Groningen entstehen. Das Hochhaus soll 270 Student*innen Platz bieten. Auch auf dem „Zernike Campus“ sind bis zu 2.000 zusätzliche Wohnungen für Studierende geplant. Doch bis zur Fertigstellung wird es noch dauern. Kurzfristig versucht die Gemeinde Groningen deshalb, weitere Behelfsunterkünfte einzurichten – eventuell sogar in Winschoten oder Hoogezand. Doch die Situation ist so angespannt, dass der Groninger Dezernent Roeland van der Schaaf gegenüber dem Dagblad van het Noorden Studierenden davon abrät, „auf gut Glück“ nach Groningen zu kommen: „Wenn man für das kommende Studienjahr noch keine Unterkunft hat, sollte man besser wegbleiben.“